Die Maßnahmen und die Wirkung auf Kinder

Eine starke Zukunft braucht starke Kinder!

Als die Krise plötzlich da war, war ich zutiefst besorgt. Mir sind ganz viele Gedanken durch den Kopf geschossen. Meine größte Sorge galt dabei meinem Sohn. Wird er noch eine Chance haben in einer Welt groß zu werden, in der er eine gesunde und gute Entwicklung durchleben und zu einem starken Menschen heranwachsen kann, oder wird der Virus das verhindern?

Dieser Gedanke hat mich nicht losgelassen, deshalb habe ich verstärkt darüber nachgedacht, was denn eigentlich eine gesunde und gute Entwicklung für Kinder bedeutet. Meiner Meinung nach stellen soziale Erfahrungen auf jeden Fall ein zentrales Element dieser dar. Bieten wir Kindern einen geschützten Rahmen, sowie die nötigen Freiräume um sich auszuprobieren, können sie z.B. lernen, wie man sich in dieser Welt behauptet, seinen Platz in einer Gemeinschaft findet, wie man Freunde gewinnt oder auch verliert. Es ist die Summe aus ganz vielen Erfahrungen auf mentaler und auch auf körperlicher Ebene, die unsere Kinder stark macht. 

 

Ich finde es unerlässlich, dass Kinder die Möglichkeit bekommen miteinander und voneinander zu lernen. Das ist nichts neues und wird aktuell beispielsweise im Kontext des ‚Kooperativen Lernens‘ (z.B. Scholz 2017; Green & Green 2012), sowie der ‚inklusiven Pädagogik‘ (z.B. Feuser 1995; Ziemen 2008) diskutiert. Auch den Kontakt zu anderen glaubwürdigen Vorbilder außer Papa und Mama, wie Lehrer*innen, Trainer*innen, Tanzlehrer*innen, Kunstkursleiter*innen oder ähnliches, sind für die Entwicklung junger Menschen zentral. Das Zuhause sollte für unsere Kinder ein sicherer Hafen sein, in dem sie neue Kraft schöpfen, um gestärkt in die Welt hinauszugehen. Das Elternhaus allein, und auch die Betrachtung der Welt durch einen Bildschirm, kann eine große Vielzahl an Erfahrungen aber nicht ersetzen.

 

Viele Kinder haben ihre guten Freunde seit Monaten nicht mehr ohne Maske bzw. außerhalb des Computerbildschirms gesehen. Ihnen fehlt das Feedback und die Anerkennung, die durch Mimik und nonverbalen Signale, die man nur im gemeinsamen Raum wahrnimmt, sichtbar werden. Wir dürfen nicht vergessen - für uns Erwachsene sind die Maßnahmen, die aktuell aufgrund des Corona-Virus getroffen werden, verhältnismäßig kurz. Unsere Kinder sind jedoch noch nicht so lange wie wir auf dieser Welt. Für ein sechsjähriges Kind sind sechs Monate Maßnahmen ein Zwölftel seines Lebens. Da die meisten Menschen jedoch erst im Alter von ca. drei Jahren beginnen bewusste Erinnerungen zu entwicklen, kann man sogar durchaus sagen, dass sechs Monate Maßnahmen ein Sechstel des Lebens sind, an das ein sechsjähriges Kind sich erinnern kann. 

 

Natürlich, Ausnahmen gibt es immer, aber ich denke, ich spreche für eine Vielzahl der Kinder und Jugendlichen, wenn ich sage, dass die Situation eine extreme Belastung für sie darstellt. Im Onlinetraining, welches ich aufgrund der Coronamaßnahmen anbiete, sprechen wir aktuell viel über die Situation und es wird deutlich, dass sich die Stimmung vieler Kinder und Jugendlicher immer mehr verschlechtert. Sie wirken zunehmend bedrückt, verängstigt, wütend, traurig, stark verunsichert und/oder fühlen sich machtlos. Viele verharren in einer Art Schockstarre und es wird für sie immer schwerer die Aufmerksamkeit auf positive Dinge im Leben zu richten. Ihr gesamter Alltag hat sich verändert und alle Bereiche ihres Lebens werden von den Maßnahmen bestimmt. 

 

Auch wenn Lehrer*innen sicherlich so gut es geht versuchen, sich an die Situation anzupassen und das beste für alle daraus zu machen, schockiert es mich zu hören, wie sich einige Schulen aufgrund der politischen Maßnahmen verwandelt haben. Von den Kindern und Jugendlichen habe ich von festen Sitzordnungen mit Sicherheitsabstand, vormarkierten Wegen, die man nicht verlassen darf, sowie festgelegten Arealen, in denen man nur mit bestimmten Kindern spielen darf, gehört. Das erinnert mehr an einen Gefängnisfilm, als an einen Ort, der eigentlich dazu da ist, dass Kindern dort gemeinsam wachsen und lernen, um sich zu starken Persönlichkeiten entwickeln zu können. Wenn darüberhinaus sogar von öffentlicher Seite Eltern gedroht wird, dass bei fehlender täglicher Bestätigung darüber, dass das Kind gesund sei in Schriftform, sogar eine „Inobhutnahme“ (Correktiv 2020) des Kindes folgen könne, dann finde ich es, auch wenn dies inzwischen als „unglückliche Formulierung“(ebd.) revidiert wurde, hochgradig beängstigend, dass entsprechende Drohungen von Ämtern geäußert werden können.

 

Es scheint fast, als habe sich eine Art Wettbewerb entwickelt, wer am besten virologisch denken kann, und das ohne Tabus. Kinder und Jugendliche so zu verunmenschlichen, sie lediglich als potentielle Überträger zu sehen und ihnen einzureden, dass sie eine Gefahr für die Menschheit sind, wenn sie all das nicht brav ertragen, ist meiner Meinung nach falsch und darf so nicht weitergehen! Kinder und Jugendliche sind die Zukunft der Menschheit! Extreme Vorkehrungen und Hygieneregelungen sind sicherlich sinnvoll, jedoch nur dort, wo sie auch benötigt werden, wie beispielsweise in Krankenhäusern und bei schwer kranken Menschen. Bei Kinder richten sie aktuell jedoch mehr Schaden als Nutzen an.

 

Ja, ich glaube wir hatten alle Angst, dass der Virus uns das nimmt, was wir lieben. So ist es in den meisten Fällen, zumindest was unsere Kinder betrifft, aber zum Glück nicht gekommen. Mit all den Veränderungen, die diese Zeit mit sich gebracht hat, müssen wir jetzt jedoch sehr aufmerksam sein, dass nicht wir es sind, die unseren Kindern das nehmen, das wir befürchtet haben zu verlieren: Eine gute Zukunft und ein gutes Leben für unser Kind.

Lasst uns nicht die vielen guten pädagogischen Erkenntnis aus den letzten Jahrzehnten über Board werfen und lasst uns stattdessen die Stimmen, beispielsweise aus der Pädagogik, aber auch der Virologie, unterstützen, die fordern, dass der Fokus auf einen echten Schutz der Risikogruppen gelegt wird, anstatt pauschale Maßnahmen für alle durchzusetzen (vgl. zdf heute online 2020). Es ist notwendig, dass Kinder und Jugendliche in die Schule gehen und ihren Hobbys und anderen Aktivitäten nachgehen dürfen. Kinder brauchen ihre Freunde und Erfahrungen außerhalb des Elternhauses, sie brauchen es  miteinander und voneinander zu lernen und sie müssen die Welt mit allen Sinnen wahrnehmen. Und dafür brauchen sie uns, damit wir der Welt das sagen!


Nicolai 

 

Quellen: 

Correktiv (2020). „Kindesentzug“ wenn die Gesundheitsbescheinigung fehlt? Was hinter Sachsens Warnung an Eltern steckte. Faktencheck. Verfügbar unter: https://correctiv.org/faktencheck/2020/05/27/kindesentzug-wenn-die-gesundheitsbescheinigung-fehlt-was-hinter-sachsens-warnung-an-eltern-steckte/

 

Feuser, G. (1995). Behinderte Kinder und Jugendliche. Zwischen Integration und Aussonderung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

 

Green, N. & Green, K. (2012). Kooperatives Lernen im Klassenraum und im Kollegium. Seelze: Kallmeyer/ Klett.

 

Scholz, D. (2017). Kooperatives Lernen. In K. Ziemen (Hg.), Lexikon Inklusion (S. 158-159). Göttingen & Bristol: Vandenhoek & Ruprecht.

 

ZDF heute (2020). Ärzte und Wissenschaftler. „Lockdown weder zielführend noch umsetzbar“. Verfügbar unter: https://www.zdf.de/nachrichten/politik/coronavirus-massnahmen-kritik-aerzte-kbv-gassen-streeck-chanasit-100.html

 

Ziemen, K. (2008). Reflexive Didaktik. Annäherungen an eine Schule für alle. Oberhausen: Athena-Verlag.